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Ich habe keinen Lover mehr im Moment!

Ich hatte oft keinen Lover- oder keinen Lover für einen Moment, manchmal sogar über Tage, Wochen oder sogar, in seltenen Fällen, über zwei kurze Monate hinweg. Aber länger hielt es nie und ich habe längst aufgegeben nach dem Grund zu suchen. Fakt ist, dass ein Lover Teil meines Lebens ist, seit ich mich für solche Aktivitäten interessiere und Fakt ist auch, dass es seit dieser Zeit immer ein und derselbe Lover ist!

Manchmal bin ich ihn für ein Weilchen irgendwie losgeworden- aber dann stand er plötzlich wieder an der Straßenecke und sah mich an: Seine Passivität in seinem Sein begründet. Er lief mir nie nach und er schickte mir kein Telefonat spät abends oder früh morgens, wenn er wähnte, dass ich allein war. Er sprach mich nicht an und berührte mich nicht, wenn er in meiner Nähe war. Er wartete ganz einfach geduldig auf mich und sah mich an. Sonst nichts!

Und vielleicht war genau das seine Stärke- vielleicht war es genau das, was mich anzog an ihm, das, was mich ihn nicht mehr loswerden ließ: Er war immer bereit, sich mir darzubieten, sich mir zu opfern und sich in mir aufzugeben!

Er war einfach der perfekte Lover: Er stellte keinen Anspruch außer dem, mich ansehen- und auf mich warten zu dürfen!

Er sagte nichts, wenn ich ihn wieder einmal verachtete, wenn ich schwor, mich nie wieder auf ihn einzulassen, ihn verfluchte und ihn hasste. Er war einfach nur weiterhin da: Stand an der nächsten Hausecke, wenn ich am Morgen zur Arbeit ging, schaute mir im Supermarkt über die Schulter oder grinste mich durch ein Café- Fenster an, wenn ich vorüberging.

Er machte mir keine Vorwürfe, nie, wenn ich keine Lust hatte oder ihn ignorierte, aber sein mildes Lächeln verfolgte mich in meine Träume und schien mir überall entgegen.

Ich hatte einen Freund, den ich liebte, damals, aber mein Lover blieb! Ich war nicht imstande, ihn aus meinem Leben zu verbannen. Er lebte mit mir, mit meinem Freund an der Seite und machte keinen Unterschied! Er wusste, wenn ich ihn brauchte, würde ich wissen, wo er zu finden war!

Ich liebte seine tiefe Art der Passivität, die sich mir so unwillkürlich aufdrängte; ich liebte seine Süße in der Tiefe seines Seins und sein stetig perfektes Auftreten und Aussehen. Ich liebte meine Hand an seinem Körper und ich liebte das tiefe Seufzen meiner Seele, wenn er in mich eindrang, wieder und wieder und sich in mir ausbreitete und bis in mein tiefstes Inneres vordrang.

Er ließ mich zurück mit einem kurz- anhaltenden Gefühl, das der Liebe so ähnlich ist, dass es Angst macht: Man hört auf, Fragen zu stellen, man hinterfragt nichts mehr und verlangt nicht nach mehr im Leben- man ist zufrieden mit dem schieren Sein seiner eigenen Existenz!

Dieses Gefühl ist gefährlich- es macht abhängig, selbst wenn es nicht verpflichtend ist!

Ich liebte dieses Gefühl- es lenkte mich ab: Von einem langweiligen Job, von einem stressigen Studium, von einem Streit, oder meinem Freund, den ich dann nicht mehr liebte, aber nicht verlassen konnte.

Er, mein Lover, lenkte mich ab von alledem!

Anfangs besuchte ich ihn nur hin und wieder, nahm ihn mit zu mir und hielt ihn über Nacht. Ich mochte sein ständiges Beisein- sein Dasein in meiner Gegenwart- seine Nähe an meinem Körper und in meinem Körper. Er war ein Teil meines Lebens, sichtbar und geduldet!

Aber mit der Zeit wollte ich mehr. Meine Lust verlangte nach engerem, längerem Kontakt und weil das gute Gefühl nicht mehr so lange anhielt, wollte ich ihn öfter und mehr. Ich verlangte nach ihm, brauchte ihn, wollte ihn und er hatte nichts dagegen! Er war da, wenn mein Gefühl mich zu ihm trieb, er war da, wenn mein Körper nach ihm verlangte.

 

Mein Lover wechselte mit mir das Land- und er wechselte mit mir den Freund! Er durchlief mit mir die letzten Phasen meines Lebens- ein Begleiter über die Jahre- der Lover meines Daseins!

Er hatte viele Namen und viele Gesichter und mit der Zeit begann ich, mich für ihn zu schämen. Ich traf ihn allein und im Verborgenen, immer öfter heimlich und jedes Mal, wenn ich danach in mein normales Leben zurückkehrte, fühlte ich nichts mehr. Ich war betäubt durch das leicht benebelnde Gefühl, das er in mir hinterließ und weswegen ich ihm noch immer mit einem Lächeln begegnete…

Irgendwann im Laufe der Zeit begann ich, ihn zu hassen!

Ich hasste ihn, weil er mein Lover war; ich hasste ihn, weil er meiner Seele durch unsere Leidenschaft Blumen schenkte; ich hasste ihn, weil er nichts anderes tat als auf mich zu warten und mich anzulächeln und weil ich trotzdem- oder gerade deswegen- nicht von ihm loskommen konnte; ich hasste ihn, weil es nicht mehr in meiner Kontrolle zu liegen schien, dass ich ihm verfallen war…

Wenn er in meinen Gedanken aufkreuzte-  und nur als leiseste Idee – dann schaltete meine Vernunft ab: Ich wollte nur noch ihn! Jetzt! Sofort! Ich wollte ihn in mir spüren und an  meinen Lippen und  auf meiner Zunge schmecken und das gute Gefühl in mich einsaugen und nie wieder loslassen!

Doch weil ich ihn hasste und liebte, verachtete und vergötterte, wurde mein Leben ein Spiel, das von ihm abhing!

Jeden Abend, wenn ich heimlich von einem Treffen mit ihm heimkehrte-, wenn ich ihn bei der Arbeit geliebt hatte – und im Übermaß- dann schwor ich jedes Mal, ihn nie wieder zu sehen!

Am nächsten Tag, wenn er an der Ecke stand und mich ansah, ging ich ungeachtet vorüber und versuchte, stark zu sein, verbannte meine guten Vorsätze von letzten Abend von einem „nie wieder“ in ein „vielleicht nur nicht so oft“ und am Abend schlich ich wieder heim, seine Präsenz in meinem Körper und ein schlechtes Gewissen unter meiner dicken Mütze- mein Gefühl betäubt für den wartenden Freund zu Hause und wieder nur den Schwur auf den Lippen, diesen, meinen Lover, nie wieder sehen zu wollen!

Es wurde zu einem täglichen Ritual!

Es wurde Routine! Es wurde Gewohnheit! Es wurde mein Leben…

Mein Lover veränderte nichts und veränderte sich nicht. Er lächelte mich an und wartete auf mich- er umschmeichelte mich mit süßen Blicken und einem guten Aussehen  und strich mir tröstend über mein verarmtes Herz, wenn ich mit Kummer zu ihm kam… aber über all die Jahre hinweg veränderte ich mich!

Irgendwann fand ich heraus, dass ich ihn in Wirklichkeit nicht liebte! Ich fand heraus, dass ich ihn nur brauchte, dass ich ihn nur wollte, ihn nur verlangte, und dass das gute Gefühl mit oder durch ihn mehr und mehr am schwinden war, kürzer und kürzer anhielt, und dass er stattdessen nur diese  alles- betäubende Leere in mir hinterließ!

Hier fand ich schließlich auch den Unterschied zwischen ihm und der Liebe, denn die Liebe hinterlässt keine Leere…

 

Ich begann einen aussichtslosen Kampf gegen mein eigenes Ich, in dem Versuch ihm tagtäglich irgendwie zu widerstehen, aber auch ein solcher Zustand ist ermüdend auf Dauer und letztendlich reichte ich ihm doch immer wieder die Hand und folgte ihm in sein Reich.

 

Die Frage ist, wie man überhaupt einen Lover los wird?

… man ruft ihn nicht mehr an, man nimmt nicht ab, wenn er anruft, man ignoriert ihn, beantwortet keine seiner Nachrichten und schickt seine Blumen zurück- und letztendlich muss man aufhören, an ihn zu denken und ihn vergessen!

Der letzte Teil dieser Aufzählung ist der schwerste und der einzige, der auch mich und meinen Lover betrifft!

Aber was tut man, wenn man ihm dauernd begegnet, wenn man überall seinen Pfad kreuzt und ihn einfach nur dastehen und warten sieht, mit einem Lächeln auf den Lippen? Wenn er von der Gesellschaft geduldet und ermutigt wird?

 

Ich habe keinen Lover mehr im Moment!
Ja, das ist richtig!

Ich begegne ihm noch immer auf täglicher Basis. Er spricht mich nicht an- das ist nicht seine Art- er schreit mich nicht an, er läuft mir nicht nach und berührt  noch nicht einmal leicht meine Hand, wenn ich zu dicht vorübergehe. Er steht da und wartet, lächelnd, hübsch und mit einem falschen Namen auf den Lippen.

Stark sein, denke ich jedes Mal und manchmal hilft es. Ich weiß, wenn ich ihm nicht letztendlich auf Dauer widerstehen kann, wird er mich zerstören: meine Beziehung, meinen Körper und meine Gesundheit… oder noch mehr…

Und im Grunde ist er eh sehr oberflächlich!

In Wirklichkeit ist er ein durchscheinender, weißer Kristall!

In Wahrheit möchte keiner die Wahrheit über ihn wissen, denn er kann gefährlich sein!

Und in Wirklichkeit ist er wie eine Droge und sein Name ist: Zucker!

Ein Gastbeitrag von Solveig Lilian Wagner

Copyright Solveig Lilian Wagner, 18.11.2009 und 14.01.2018. Alle Rechte vorbehalten. Wenn Sie diesen Artikel in einem eigenen Blog zitieren möchten, dann sprechen Sie mich gerne an. inke@inke-jochims.de

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